Gibt es die „Zweiklassen­medizin“ erst heute?

 

Die etwas polemische Frage, ob Einspa­rungen am Gesundheitssektor zu einer Zweiklassenge­sell­schaft führen, wäre nur dann treffend, wenn medizinische Leis­tungen im solidarischen Ge­sundheitssystem zurückgenommen würden. Davon kann aber keine Rede sein. In diesem System hat jeder entsprechend seiner medizinischen Bedürf­nisse und ohne Rücksicht auf seine finan­zielle Lage Anspruch auf eine optimale Be­handlung seiner Krankheit. Aber zu be­haupten, alle Patienten würden gleich rasch behandelt, ist bereits seit mehr als zwanzig Jahren die große Lüge der Politik. Nicht um­sonst boomt seit Jahrzenten das Geschäft der privaten Krankenversicherungen und die Aufwendungen dafür sind als Sonderaus­gaben steuerlich begünstigt. Wer jemals dringend einen Facharzt-Termin oder gar eine lebenswichtige Operation ge­braucht hat, kennt das System:

 

Ohne gute Zusatzversi­cherung oder gleichartigem gibt es einen Termin irgendwann. Dieser Um­stand spiegelt sich übrigens auch in einer Statistik des Rechnungshofes wieder, die von den Politikern aller Farben mit gutem Grund gerne ver­schwiegen wird: die Öster­reicher bezahlen bereits 25 Prozent aller medizinischen Leistungen privat, also nicht über Steuern und Beiträge. Wir liegen damit schon längere Zeit (nicht erst seit dem Jahr 2000) weltweit bei den Selbstbehalten ganz vorne. Nur die USA und die Niederländer geben dafür noch mehr aus. Die inflations­bedingte Anpassung der Rezeptgebühren ist übrigens noch ein gesetzliches Überbleibsel der SPÖ-ÖVP-Koalition. Das Problem ist viel zu ernst, um es nur aus wahltaktischen Gründen zu vernebeln, um eine einfache Lösung dafür vorzutäuschen.

 

Helmut Jakl